Der Eurovision Song Contest 2017: Meine Gedanken nach der großen Show in Kiew

Herzlich Willkommen!
In den letzten Wochen und Monaten ging es (wie jedes Jahr) ganz oft um den Eurovision Song Contest. Zunächst habe ich zum deutschen Vorentscheid "Unser Song 2017" gebloggt, euch die Kandidaten vorgestellt, die Songs besprochen, das Format diskutiert oder mit euch gemeinsam den Vorentscheid angeschaut und live getickert. Danach ging es dann an die Beiträge rund um den eigentlichen Wettbewerb und zum ersten Mal in meiner Bloggeschichte habe ich mir andere Blogger ins Boot geholt und die Kandidaten gecheckt. Letztendlich gab jeder von uns seine Top10 bekannt und es macht mich Stolz, dass fast alle Gewinner der individuellen Blogger in den Top10 gelandet sind - zumindest aber im oberen Drittel. Doch langsam und von vorne.



1. Die Shows
In diesem Jahr gab es zum ersten Mal drei männliche Moderatoren, die die Zuschauer durch die Sendung führten. Außerdem trug die Ukraine das zweite Mal überhaupt den Contest aus, nachdem sie bereits im Jahr 2005 den Wettbewerb in ihr Land holten. Dabei zeigte sich das Land sehr vielfältig, baute einerseits traditionelle Elemente in den Shows mit ein, zeigte aber auch durch moderne elektronische Acts, dass die Musikszene sehr fortgeschritten und international klingen kann. Das gefiel mir sehr gut. Auch das Logo mit der traditionellen ukrainischen Kette und der Slogan "Celebrate Diversity" konnten mich seit langer Zeit mal wieder überzeugen, auch wenn das Motto nicht unbedingt erfüllt wurde (man denke nur an die Auseinandersetzungen mit Russland). Dennoch: Die Organisation war super und man hatte das Gefühl, dass der austragende Sender wirklich Lust hatte, den ESC zu veranstalten. Ein paar kleine Kritikpunkte gibt es natürlich auch: Die Moderatoren waren lange nicht so professionell wie im letzten Jahr in Schweden, oft musste ich wirklich angestrengt zuhören, um etwas zu verstehen und auch technisch funktionierte nicht immer alles einwandfrei. Mal spinnte das Mikro, mal waren die Sänger verzerrt und auch bildtechnisch hat nicht immer alles hingehauen. Dennoch empfand ich die drei Shows als gelungen und hatte wirklich viel Spaß, den Wettbewerb zu verfolgen.


Besonderer Pluspunkt: Die Bühne. Mensch, war die nicht toll? Bereits im letzten Jahr war ich verliebt, dieses Jahr konnte mich die Bühne mindestens genauso sehr beeindrucken. Die meisten Performances wurden wunderschön umgesetzt und boten ein großartiges Programm! Lustig deshalb, dass der Act, der auf alle Special Effects verzichtete und einfach nur auf der Bühne stand, am Ende gewann. Schön, denn in den letzten Jahren war vieles wirklich total überchoreografiert. Man hätte meinen können, dass alles immer nur bunter, knalliger, spektakulärer sein muss, damit man beim ESC erfolgreich ist. Dem ist aber nicht so, schließlich überzeugte Portugal mit einer sehr dezent gehaltenen Inszenierung und mit einem Song in Muttersprache - das gab es lange nicht mehr. Und auch wenn mir der Song nicht wirklich gefällt und ich auch nicht glaube, dass er international zum Mega-Erfolg avancieren wird - an dieser Stelle beglückwünsche ich den Sender und besonders den Sieger Salvador Sobral für ihren ersten Gewinn beim Eurovision Song Contest überhaupt. Wir sehen uns nächstes Jahr in Lissabon!


2. Der deutsche Act
Und wieder sitze ich hier und versuche Worte zu finden, die unser Abschneiden und den Auftritt erklären. Bereits im Vorfeld wurde deutlich, dass "Perfect Life" nicht unbedingt der perfekte Song für den Eurovision Song Contest ist. Während meines Live-Blogs zum Vorentscheid hatte ich erwähnt, dass alle anwesenden Gäste, einschließlich mir, davon überzeugt waren, dass "Wildfire" besser gewesen wäre. Doch trotz der "falschen Entscheidung" des Fernsehpublikums konnten wir uns auch auf eine weitere Sache einigen: Beide Songs waren einfach nicht gut genug, um bei einem internationalen Wettbewerb etwas zu reißen. Ja, ich mochte beide Tracks, aber selbst mir war klar, dass man damit nicht in die Top10 kommen kann. Was dann einen Sender, der seit mehreren Jahren Erfahrungen beim ESC sammelt, dazu veranlasst genau das zu denken, nämlich dass "Perfect Life" oder "Wildfire" in irgendeiner Version um den Sieg mitsingen können, weiß ich wirklich nicht. Und ich konzentriere mich in meiner Kritik bewusst auf die Songs, denn eins ist ganz sicher: Levina kann für das ganze Drama nun wirklich nichts. Wie bereits in den Vorjahren mit Ann Sophie und Jamie-Lee ist es nämlich so, dass wir eine hervorragende Sängerin auf der Bühne stehen hatten, die wirklich singen kann. Das deutsche Publikum hat sich tatsächlich mit einer Mehrheit für etwas entschieden. Aber nicht für den Song - sondern für den Act. Levina begeisterte am Vorentscheidsabend jeden einzelnen Zuschauer und Juroren. Deshalb landete sie auch mit zwei Songs im Superfinale und ließ die Konkurrenz schnell hinter sich. Man kann also dem deutschen Zuschauer durchaus in die Schuhe schieben, dass man sich für einen Act entschieden hat. Allerdings kann man ihm nicht die Verantwortung für den Song geben. Denn die Auswahl bot lediglich zwei Songs an - für einen muss man sich ja entscheiden. Und da entschied sich der Zuschauer eben für den dynamischeren Song von beiden. Nicht unbedingt für den besseren. Aber den mitreißenderen. Eine Entscheidung ist immer nur so gut wie die Möglichkeiten, die sie liefert. Und in diesem Fall waren sie einfach mittelmäßig.


Da half es dann auch nichts, dass man sich den Stage-Director von Conchita Wurst anlacht und ihn mit der Inszenierung beauftragt. Diese war meiner Meinung nach wirklich gut, aber der Song einfach viel zu schwach. Levina auf dem Boden, die Kamerafahrten, das Kleid - für mich hat alles gepasst, bis auf eine Sache: Der Song. Und ja, natürlich habe ich mir den Track vermehrt angehört und ihn irgendwann als ganz gut empfunden. Er ist ja auch ganz gut. Aber ganz gut reicht eben nicht für die Top10. Das muss die Erkenntnis aus diesem Jahr sein. Deshalb: Gut gemacht, liebe Levina! Du hast das Beste aus dem Song und der Performance rausgeholt und kannst in einigen Jahren das Video dazu ansehen, ohne dich schämen oder grämen zu müssen. Genauso wie das auch Ann Sophie und Jamie-Lee nicht tun müssen. Gute Performances, bei denen einfach immer irgendetwas gefehlt hat.

3. Konsequenzen für die ESC-Saison 2018
Was bedeutet das also für die kommende ESC-Saison? Es bedeutet, dass man zunächst nach einem guten Song suchen muss. Nach einem sehr guten, um genau zu sein. Nach einem Song, der vor allem erstmal in Deutschland überzeugt und sich wochenlang in den Charts hält. Und zwar nicht am Ende der Top100, sondern in den Top10. Ein Song, der im Radio gespielt wird, der gekauft wird und der von allen gehört wird. Nicht nur von der ESC-Community. Und ja, lieber NDR, es kommt auf die Kombination von Künstler und Song an. Richtig. Aber ich bezweifle, dass ein noch so guter Song, einfach von irgendeinem Sänger gesungen werden kann und genauso überzeugt. Das war bei Lena ein Glückstreffer. Bei Roman auch. Doch seitdem hat man einfach Fehler über Fehler gemacht. Was ich an den Einschaltquoten zeigt: Seit 2009 haben nicht mehr so wenige einen ESC angesehen. Im Gegensatz zu letztem Jahr verlor die Sendung über eine Millionen Zuschauer. Warum? Weil sich niemand für den Vorentscheid begeistern konnte. Als Lena damals bei "Unser Star für Oslo" gecastet wurde, war die Show in aller Munde. Jeder sah sich die Sendung an, stimmt für Lena und hörte sich in Folge dessen auch "Satellite" rauf und runter an. Der Song stürmte die Charts, wurde im Radio gespielt und Lena war bei den Wetten von Anfang an ganz weit oben. Jetzt mag einer kommen und sagen: Da war ja auch Raab beteiligt. Ja, war er. Besonders aber waren junge Leute beteiligt. Denn die Zuschauergruppe von Raab ist nunmal anders als die Zuschauergruppe von der ARD. Und genau das muss Ziel sein: Eine Vielzahl an Menschen vor den Fernsehr zu locken, wenn der deutsche ESC-Act 2018 gewählt wird. Von jung bis alt, von groß bis klein, vom Norden bishin zum Süden - alle müssen einschalten und entscheiden.

In welcher Art das bestimmt werden soll? Da gibt es viele Möglichkeiten. Haltet meinetwegen an der Castingshow fest. Aber dann gebt ihr Zeit. Veranstaltet eine Sendung, in der "Unser Star für..." gesucht wird. Der Gewinner erhält dann vier bis sechs Wochen Zeit und präsentiert in der Show "Unser Song 2018" sechs Songs. Daraus wählt dann der Zuschauer seinen Favoriten. Dass die Gewinnerinnen der letzten Jahre durchaus Stücke für den ESC gehabt hätten, zeigen ihre Debütalben "Silver Into Gold", "Berlin" und "Unexpected" - auf jeder dieser Platten sind Songs drauf, die ich beim ESC als besser empfunden hätte als die gewählten Lieder. Oder aber lasst das mit der Castingshow und gebt Independent-Songwritern die Möglichkeit, ihre Songs zu präsentieren. Entweder sie selbst tragen sie vor oder aber ihr versucht Kontakte zu knüpfen zwischen Sänger und Songwriter. Oder aber ganz anders und ihr veranstaltet eine ähnliche Show wie 2016 mit Plattenfirma-Künstlern, die Lust auf den ESC haben. Dann aber auch bitte nur mit Songs, die auch wirklich begeistern und nicht auf "Diversität" setzen. Denn was nützt ein Line-Up, was total unterschiedlich ist, aber qualitativ einfach beim ESC nichts reißen kann. Eben, nichts. Es müssen Songs her, die eigen sind, aber auch auf gewisse Art begeistern. Fesseln. Und umwerfen. Die speziell sind, aber auch in den Charts funktionieren. Die Tendenz zu solchen Acts habt ihr in der Vergangenheit schon bewiesen (LAING, Fahrenhaidt, Alexa Feser, Marie Marie,...). Traut euch. Riskiert etwas. Macht etwas! Nur so kann es den nationalen Erfolg geben - und der internationale Zuspruch rückt dadurch in greifbare Nähe. Doch vor allem ein Vorteil hat das  Ganze: Sollte es international dann doch nicht klappen, kann man sich mindestens auf den nationalen Support berufen - anders als im diesen Jahr mit einer Höchstplatzierung von "Perfect Life" auf 27 und einer Halbwertszeit von einer Woche.


Aber BITTE, BITTE macht nicht den Fehler und sucht jetzt nach deutschsprachigen Songs, die "besonders" sind und möglichst nah am Gewinner 2017 sind - das funktioniert nicht. Es muss etwas eigenständiges, unvergleichbares, besonderes sein - aber auf ganz andere Weise als Salvador aus Portugal. Das kann alles sein: Dance-Pop, Singersongwriter, Akustisch, jung, alt,... ALLES. Allerdings habe ich Angst, denn die Konsequenzen, die die Verantwortlichen ziehen, kommen mir bekannt vor: Der NDR möchte seinen Vorentscheid (erneut) revolutionieren, das hat der Verantwortliche Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber bereits in einem Zeitungsinterview verkündet. Was letztes Jahr daraus geworden ist, wissen wir: Eine Castingshow mit zwei Popsongs, die nichtssagender nicht sein konnten. Und ich kann mir auch schon vorstellen, wie das 2018 aussehen wird: Sänger, die, in den Augen des ARD/NDR, eigene und besondere Songs präsentieren. Aber hey: Schlimmer geht immer, oder? Andererseits: Was haben wir schon zu verlieren? Wenn das alles dann genauso revolutionär wird wie in diesem Jahr, bleibt eigentlich nur noch eins zu sagen: Prost, Mahlzeit!

P. S.: Dennoch freue ich mich natürlich auf die neue Saison - aber ein aus deutscher Sicht besseres Abschneiden wäre für 2018 schon schön :D Wie das gelingen kann, habe ich ausführlich beschrieben.

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