Eurovision-#Update Nr. 2: Unser Lied für Lissabon

By Listen by Lenny. - Januar 04, 2018


Herzlich Willkommen zu diesem #Update!
Ihr habt richtig gelesen: Nachdem ich noch im Oktober darüber berichtet habe, wie schweigsam die verantwortlichen Sender sind, wenn es um den Eurovision Song Contest 2018 geht, kann ich euch heute eine ganze Reihe an Informationen präsentieren - allesamt eher kompliziert und sehr detailreich, aber ich werde mein Bestes versuchen, um euch alles so einfach darzustellen, wie nur irgend möglich. Bereits im Mai nach dem großen Finale und einem miserablen vorletzten Platz war klar, dass sich was ändern musste. Auch die Jahre zuvor waren nicht gerade erfolgreich: Deutschland landete seit 2013 ununterbrochen im hinteren Drittel und belegte sogar zweimal hintereinander den letzten Platz. Verschiedene Formate wurden ausprobiert, um uns einen Künstler samt Lied zu liefern, die erfolgreicher sind als die Sängerinnen zuvor - alles scheiterte allerdings kläglich. Nun kündigte der NDR im November ein radikal neues System an und versprach einen kompletten Neuanfang. Doch ist es tatsächlich ein Neustart oder verfällt der Sender in alte Muster?

© EBU
All Aboard! - Das Motto des ESC 2018

1. Der radikal neue Ansatz
Alles neu, alles anders: Die Verantwortlichen wollten mehr Fans in die Künstlerauswahl bringen und gleichzeitig die Expertise von internationalen ESC-Juroren einholen. Deshalb riefen sie Künstlerinnen und Künstler, Plattenlabels und Managements dazu auf, sich für eine mögliche Teilnahme zu bewerben, gleichzeitig fragte der Sender aber auch ausgewählte Künstler an. Daraus ergaben sich über 4000 Bewerber, die der Sender mit ein paar Musikexperten und Produzenten auf 211 Bewerbungen reduzierten. Diese wurden dem so genannten Eurovisions-Panel gezeigt, eine 100-köpfige Jury, bestückt mit Menschen aus ganz Deutschland. Das Panel wurde mit Hilfe von Fragebögen bestückt, um eine möglichst hohe Bandbreite an verschiedenen Geschmäckern gewährleisten zu können. Warum? Laut Analyse der Verantwortlichen deckt sich wohl das deutsche Votingverhalten beinahe komplett mit dem endgültigen Resultat beim ESC - was für ihre Expertise spricht. Zumindest theoretisch. Man kann das jetzt natürlich sehr kritisch sehen, schließlich muss auch was Brauchbares unter den Möglichkeiten sein, um eine gute Auswahl treffen zu können. In den letzten Jahren, und da würde ich jetzt einfach mal so behaupten, traf Deutschland immer die beste Auswahl in den Vorentscheiden, die ging - nur das die Möglichkeiten eben nicht wirklich optimal waren. Nichtsdestotrotz finde ich es schon einmal positiv, dass man Fans und Musikliebhaber miteinbezieht.


Dieses Panel bewertete dann die 211 Kandidaten nach Stimme, Performance, Ausstrahlung und Sympathie. Und jetzt kommt schon die nächste, etwas komplexe, Angelegenheit: Man würde ja meinen, dass jetzt die besten 20 in die nächste Runde einziehen würden (das war nämlich die Anzahl, die der Sender für die nächste Runde festgelegt hat). Sprich: Die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den meisten Punkten ziehen in die nächste Runde. Das trifft aber nicht zu. Denn auch hier hat der Sender (ENDLICH!) erkannt, dass es nicht darauf ankommt, eine große Masse davon zu überzeugen, dass man einen ganz guten Beitrag gesendet hat. Nein, nein, es kommt darauf an, herauszustechen und etwas Besonderes zu bieten, das den Zuschauern in Erinnerung bleibt, damit sie dann dafür anrufen. Betrachten wir die Gewinner der letzten Jahre, hatte jeder von ihnen etwas, was im Gedächtnis geblieben ist und anders war. Lena hatte ihre Natürlichkeit, Loreen ihre sagenhafte Performance und einen MEGA Track, Emmelie de Forest ihre Erscheinung, Mans Zermerlöw seine Show und die beiden Gewinner der letzten Jahre bestachen mit einem sehr einzigartigem Sound. Deshalb suchte der NDR jetzt für Deutschland nach Acts, die auch mal polarisieren. Also Sängerinnen und Sänger, die nicht nur durchweg positives Feedback erhielten, sondern auch mal nicht gefallen haben oder angeeckt sind. War das der Fall, erhielt der- oder diejenige Extrapunkte und war damit besser platziert als ein Künstler, der von allen als "ganz gut" bewertet wurde, aber jetzt keine großartigen Schwanker hatte. Ich weiß, alles sehr kompliziert, aber nun gut, die Idee dahinter hört sich zumindest gut an. Ob die Idee dann aber aufgegangen ist? Das beantworte ich später.

Die 20 Besten wurden dann zu einem so genannten Workshop eingeladen. Hier vielleicht auch interessant: Manche Künstlerinnen und Künstler hatten sich gar nicht beworben, sondern wurden vom Sender in den Pool geworfen und erst angeschrieben, als sie es in die Top20 geschafft haben. Warum? Ganz einfach: Der Sender konnte dann argumentieren, dass es die Acts bereits unter die 20 besten Talente geschafft hat, somit bereits überzeugten und keine Angst haben mussten, zu scheitern. 17 der 20 Ausgewählten nahmen im Anschluss an den Workshop-Tagen teil. Drei nicht - aus unterschiedlichen Gründen. So wurden auch die Vorentscheidteilnehmer von 2015, LAING, eingeladen, allerdings sagten sie ab, da sie mitten in ihrer Albumproduktion steckten. Schade, denn für mich ist die Band ein Highlight der letzten Jahre - aber gut, vielleicht klappt's ja nächstes Jahr. Die 17 Acts, die dann aber zusagten, durchliefen dann ein paar Gespräche und Sessions mit Vocalcoaches, Choreographen und Musikern, um durchzugehen, wie sich ein möglicher Song für Lissabon anhören und wie dieser auf die Bühne gebracht werden könnte. Dabei wurde versucht einzuschätzen, in welche Richtung die Kandidaten gehen wollen. Aufgrund dieser Gespräche wurden dann kurze Clips abgedreht, in denen die Teilnehmer einen Song ihrer Wahl sangen (entweder ein eigenes Stück oder eben ein Cover) und sich selbst präsentierten. Diese Clips wurden jetzt wieder dem Eurovisions-Panel vorgesetzt, die diese dann wieder bewerteten und deren Ergebnis dann wieder genauso gewichtet wurden, wie bereits bei der Auswahl der Top20 (aneckende Acts bekommen mehr Punkte, weil sie eben polarisieren und haben damit eine größere Chance als Acts, die zwar ganz gut waren, aber eben nicht groß auffallen). Doch nicht nur das: In diesem Schritt stimmte auch eine internationale Jury ab. Diese besteht aus Menschen in ganz Europa, die bereits in der Vergangenheit in den nationalen Juries ihres Landes saßen und die Acts vom Eurovision Song Contest bewertet haben - also damit 50 % des Ergebnisses des jeweiligen Jahrgangs ausmachten. Die Kombination aus Eurovision-Panel und Jury-Abstimmung führten dann zu den Top6-Kandidaten, die nun beim deutschen Vorentscheid "Unser Lied für Lissabon" am 22. Februar 2018 einen möglichen Song für den Eurovision Song Contest 2018 präsentieren. Welche das sind? Das erfahrt ihr jetzt!



2. Die Acts
Nach dem wirklich komplizierten System konnte der NDR also sechs Künstler präsentieren, die bereits zu einigen Diskussionen führten. Die Kandidaten seien zu nichtssagend, zu unbekannt, zu bayerisch (dazu später) und zu gecastet. Denn sage und schreibe drei der sechs Teilnehmer haben bei The Voice of Germany teilgenommen und/oder sogar gewonnen. So ist die erste Kandidaten Ivy Quainoo, also die Sängerin, die 2012 die erste Staffel der Sendung gewann und mit ihrem Debütalbum bereits einen Achtungserfolg hinlegte. Danach wurde es aber eher still um sie, ihr 2. Studioalbum floppte und die Sängerin zog sich etwas zurück. Mittlerweile studiert sie Schauspiel in New York und veröffentlicht ganz selbstbestimmt vereinzelt Songs. Die Sängerin dürfte mit einer der bekannteren Teilnehmer sein und wird von vielen als Hoffnungsträgerin angesehen, konnte sie Deutschland ja schon einmal mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Gesang und ihrer Ausstrahlung überzeugen.
Doch es gibt nicht nur eine The Voice-Gewinnerin, die teilnimmt. Auch Natia Todua, Gewinnerin der Staffel 2017, schaffte es unter die letzten sechs. Die gebürtige Georgierin war die erste Siegerin, die nach der Sendung keinen Gewinnersong veröffentlichte und ist damit ein noch unbeschriebenes Blatt. Derzeit tourt sie mit ihren Mitkandidaten durch Deutschland. Trotz der wenigen Informationen, die man über sie hat, gab es hier schon einiges an Kritik. So fühlen sich viele an Jamie-Lee zurückerinnert, die ja 2016 ebenfalls als aktuelle The Voice-Gewinnerin am Vorentscheid teilnahm und haushoch gewann. Wie das ausging, wissen wir ja. Außerdem fragten sich viele, wie es Natia in den Auswahlprozess hat schaffen können, schließlich gewann sie erst im Dezember die Staffel - und hätte sich damit gar nicht bewerben, Geschweige denn am Vorentscheid teilnehmen können. Thomas Schreiber, Unterhaltungsdirektor des ARD, versicherte allerdings, dass Natia von Anfang an Teil der Prozesses war.

Bilder: © EBU
Ivy Quainoo
Michael Schulte
Nadia Todua
Xavier Darcy
Ryk
voXXclub
Schlussendlich zur letzten The Voice-Bekanntheit: Michael Schulte wurde in der gleichen Staffel wie Ivy bekannt und erreichte einen guten dritten Platz. Seitdem veröffentlicht er regelmäßig Alben und EPs und lädt Videos auf YouTube hoch. Eurovision.de betont, dass seine Fans vornehmlich aus England, Schweden und Amerika stammen und somit bereits international unterstützen könnten (wer's glaubt, das hat Cascada mit einer weitaus größeren Bekanntheit auch nicht gerade geholfen). Wie dem auch sei, er bringt einen gewissen Singer-Songwriter-Vibe in den Prozess, was ich ja begrüße. Ähnlich wie der Newcomer Xavier Darcy: Der Sänger ist noch eine unbekannte Größe der Musikszene, hat dabei aber bereits seinen ganz eigenen Stil. Er sing auf Englisch und Französisch (wohl aufgrund seiner Wurzeln) und präsentierte während des Workshops ausschließlich eigene Songs. Er hat etwas sehr Raues und Kantiges, was ja das Ziel der Auswahl war. Letzte Teilnehmer am deutschen Vorentscheid ist voXXclub, eine Band, die moderne Volksmusik präsentieren und in den letzten Jahren eine große Fanbase aufbauen konnten. Musikalisch sind sie wohl irgendwo zwischen Schlager, Volksmusik und Pop-Folk anzusiedeln und versprechen eine Prise Spaß zum Vorentscheid zu bringen - ob das die Art von Act ist, die es braucht, um uns von unserem ESC-Tief zu befreien?

3. Der nächste Schritt: Die Songs
Nachdem man alles revolutioniert hat (oder auch nicht), folgt jetzt der wichtigste Aspekt: Die Erarbeitung der Songs. Und hier gibt es nun wirklich eine große Verbesserung im Gegensatz zu letztem Jahr. 2017 hatten wir nämlich zwei langweilige Pop-Nummern, die zwar von internationalen Größen geschrieben wurden, aber einfallsloser nicht hätte sein können - egal in welchem Arrangement. Gut nachzulesen in meinem #LIVE-Blog, den ich damals zum deutschen Vorentscheid geschrieben habe... hier kann man sehr schön nachlesen, wie fassungslos meine Gäste und ich waren :D Der NDR scheint aus diesem Abend gelernt zu haben, denn es gibt jetzt keine vorgefertigten Songs, die aus einer uralten Schublade herausgekramt werden, sondern völlig neue Songs, die erst noch erarbeitet werden müssen. Das passiert innerhalb eines dreitägigen Songwriting-Camps. Solche Camps sind gang und gebe in der Musikwelt und dienen dazu, Hits am laufenden Band zu produzieren. Klar, man kann auch kritisieren, dass innerhalb von drei Tagen kein richtig guter Song entstehen kann, allerdings ist es jetzt nicht so, dass die sechs Vorentscheidteilnehmer jetzt einfach Songs vorgesetzt bekommen, die da entstanden sind, und aus diesem Pool auswählen müssen. Im Gegenteil: Sie selbst könnten am Camp teilnehmen und gemeinsam mit den Songwritern an möglichen Songs arbeiten. Erst wenn sie sich wohl damit fühlen, wird sich dann auf ein Lied festgelegt. Inwieweit sie sich einbringen und wie sehr sie das Songwriting beeinflussen sei mal dahin gestellt, aber mich stimmt es schonmal sehr positiv, dass die Sängerinnen und Sänger auch eigenes Material mitbringen können, um daran zu arbeiten oder eben komplett neu anfangen können, Lieder mit anderen gemeinsam zu schreiben. So arbeitet man individuell mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und kann möglicherweise Songs wie "Wildfire" und "Perfect Life" umgehen.

4. Was noch folgt...
Die Künstler stehen fest, an den Songs wird im Januar gearbeitet - was folgt also noch? Nun ja, wir wissen noch nichts zum Ablauf der Sendung, sicher ist nur, dass das Eurovisions-Panel sowie die Jury auch wieder Entscheidungsgewalt haben. Außerdem darf natürlich das Publikum abstimmen, welcher Song in Lissabon aufgeführt werden soll. In welchem Verhältnis die einzelnen Ergebnisse ins Gewicht fallen (jeder ein Drittel? Panel und Jury zu je 25 % und die Zuschauer dann 50 %? Vielleicht gibt es aber doch mehrere Runden und schlussendlich entscheidet dann nur das Publikum? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ich fände ja eine Voting-Runde und jede Instanz entscheid über ein Drittel am besten - aber hey, what do I know?). Des Weiteren hat Thomas Schreiber bereits versichert, dass alle sechs Kandidaten ihre Songs präsentieren dürfen. Das ist schon mal gut, ich würde mir wünschen, dass es tatsächlich nur eine Votingrunde gibt: Die Acts präsentieren ihre Songs samt Performance, die verschiedenen Parts stimmen ab, zwischendurch gibt's ein paar Interval-Acts - fertig! So wird's wahrscheinlich nicht werden, denn dann wäre die Dramaturgie raus, aber hoffen kann man ja. Die Gefahr bei einem Superfinale ist ja, dass man nur für einen Act anruft, weil man einen anderen verhindern möchte (siehe 2014, wo viele für Elaiza angerufen haben, um Unheilig zu verhindern). Besser wäre ein Superfinale wie 2016 mit drei Acts, aber eigentlich könnte ich auch auf so eins verzichten :D Lassen wir uns überraschen!

© Eurovision.de

5. Was ihr auf diesem Blog erwarten könnt...
Auch 2018 möchte ich wieder ein Eurovision-#Special veranstalten. Ab dem 22. Januar wird es einen #Kandidatencheck geben, in dem ich mich mit den Kandidaten auseinandersetzen werde, bereits veröffentlichte Singles und Alben bewerte und mögliche Richtungen aufzeigen möchte, in welche die Songs gehen könnten und sollten. Sobald die Songs veröffentlicht werden, gibt es natürlich auch einen #Songcheck, wo es dann um die eigentlichen Lieder gehen soll und ich versuchen werde, eine mögliche Inszenierung vorherzusagen. Alles andere steht noch in den Sternen, schließlich wissen wir so gut wie noch nichts, außer, wer die Kandidaten sind und dass die Vorentscheidung am 22. Februar in Berlin stattfindet und den Namen "Unser Lied für Lissabon" trägt. Letztes Jahr traten die Kandidaten ja im ARD Morgenmagazin auf, sollte das dieses Jahr wiederholt werden, werde ich auch hier wieder meine Eindrücke wiedergeben. Allerdings steht das ja noch nicht fest. Auf alle Fälle wird es wieder einen #LIVE-Blog am Tag der Vorentscheidung geben, wo ich wieder mit ein paar Gästen die Sendung verfolgen und die Acts bewerten werde.

Nach dem deutschen Vorentscheid ist ja vor dem großen Eurovision Song Contest und auch dazu wird es im April und Mai wieder Kandidatenchecks und #LIVE-Blogs geben. Außerdem werde ich den deutschen Kandidaten bzw. die deutsche Kandidatin auf ihrem Weg nach Lissabon begleiten und einzelne Stationen auf diesem Blog thematisieren - auch das nimmt konkretere Versionen an, sobald klar ist, wie die Reise des deutschen Kandidaten nach Lissabon gestaltet wird. Alle Informationen teile ich euch aber rechtzeitig mit (:


© EBU
Die Bühne des ESC 2018
Ich freue mich auf die neue Saison und hoffe, dass es 2018 endlich wieder bergauf geht - wobei: Schlimmer geht es eigentlich nicht mehr, oder?

Auf eine erfolgreiche ESC-Saison, meine Süßen <3

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Auf listen by Lenny. präsentiere ich euch alles, was mich bewegt, mich interessiert und beschäftigt. Ich teile mit euch all meine Vorlieben - sei es Musik, Eurovision, Bücher oder andere Bereiche des Lifestyles - ich berichte darüber! Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir ein "Gefällt mir" auf Facebook da lasstmir auf Instagram ein Abo schenktmich auf Google+ hinzufügt und meinem Blog folgt (:

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